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Hochhaus

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Es ist das höchste Wohngebäude in Backnang, das Hochhaus an der Ecke Sulzbacher Straße/Berliner Ring. Über dem Unter- und Erdgeschoss erheben sich elf Stockwerke 35 Meter in den Himmel. In den 13 Etagen leben in 61 Wohnungen rund 120 Menschen, mehr als in manch einem Weiler im Umland. Aber wer sind diese Menschen, welche Geschichten verbergen sich hinter den vielen Fenstern? Sechs Kurzporträts möchten einen kleinen Einblick geben. Wer lebt am längsten im Haus Berliner Ring 73? Wer ist die älteste Bewohnerin? Wer lebt ganz oben im elften Stock? Wer kümmert sich ehrenamtlich um die Blumen vor der Pforte? Und was sagt ein Schüler zu der Wohnsituation?

Die eine Hälfte der Wohnungen ist vermietet, die andere Hälfte gehört den Bewohnern selbst, so die Einschätzung von Hausmeister Sven Damerau. Weil aber die Zahl der Eigentümer stetig abnimmt, steigt die Fluktuation, „wir haben immer öfter Umzüge“. Am Miteinander kann das nicht liegen, dafür gibt es nicht nur viel Lob von allen Mitbewohnern, sondern sogar von der Polizei. Nur sehr wenige Einsätze sind dokumentiert.
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Im achten Stock scheint sichs gut zu leben. Dort wohnen Emma Schreiner und Hertha Kull, nur durch den Flur getrennt. Emma Schreiner ist 97 Jahre alt, Hertha Kull zählt 96 Lenze. Schreiner verbrachte ihre Kindheit an der Wolga und wurde 1942 nach Nowosibirsk deportiert. Sie arbeitete an einer Tankstelle und zog vier Kinder groß. Während drei Söhne noch in Russland leben, siedelte sie mit ihrer Tochter Emma Schneider vor 25 Jahren nach Deutschland über. Seit 14 Jahren leben die beiden im Hochhaus.
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Tochter Emma, die 21 Jahre lang bei Murrelektronik geschafft hat, besitzt auch einen Schlüssel zu Hertha Kulls Wohnung und schaut dort nach dem Rechten. Zwar hat Kull einen Hausnotruf, aber Emma Schneider ist auch immer zur Stelle: „Wenn sie etwas vergisst, ruft sie mich an. Ich bin immer in der Nähe, da ich meine Mutter pflege und daher meistens zu Hause bin. Die Nachbarin ist schon einmal nachts gestürzt und hat sich die Hand gebrochen. Ich habe damals den Rettungswagen verständigt.“ Hertha Kull ist 1945 auf den letzten Drücker aus Niederschlesien vor den Russen geflüchtet. Nach ihrer Kosmetikausbildung beschäftigte sie in zwei Geschäften in Stuttgart sechs Angestellte. Zusammen mit ihrem Mann, einem Notar, hatte sie 1980 in Sulzbach an der Murr ein Haus gekauft. Als ihr Mann 1989 starb, war das Haus viel zu groß. Die Wohnung im Hochhaus hat ihr auf den ersten Blick gefallen. Seit 18 Jahren lebt sie da.
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Wenn Nikita Seel seine Verwandtschaft besuchen möchte, braucht er das Hochhaus nicht zu verlassen. Im neunten Stock wohnt die Großmutter des 16-Jährigen, im dritten Stock seine Tante mit Familie und im ersten Stock er selbst. Vor 15 Jahren war es die Oma, die als Erste einzog und so vom Haus und der humanen Miete schwärmte, dass 2014 erst die Tochter und Ende desselben Jahres auch noch der Sohn ihre jeweiligen Wohnungen bezogen. Und die Oma hatte nicht zu viel versprochen. Auch ihr Enkel ist von dem Gebäude restlos überzeugt. „Ich wohne sehr gerne hier. Meine Oma sehe ich fast täglich. Oft esse ich bei ihr oder mache einen spontanen Besuch. Wenn ich zu Gast bei Freunden bin, denke ich oft, unsere Wohnung ist besser.“

Dem Schüler der Schickhardt-Realschule gefällt es, dass die Zimmer relativ groß sind und dass auch sein vierjähriger Bruder Miroslav ein eigenes Zimmer hat. Auch die Lage bezeichnet Nikita als hervorragend: „Meine Hobbys sind Joggen und Kardiotraining. Wenn ich das Haus verlasse, brauche ich nur die Straße zu überqueren und bin schon bald im Wald. Zudem ist die Busanbindung direkt vor dem Haus. Und auch die Lebensmittelversorgung ist nur ums Eck.“
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Im elften Stock, also ganz oben, wohnt seit 2017 Simon Schädlich. Der 43-jährige Projektleiter für Brandschutzgrafiken war einst in seiner heutigen Wohnung zu Besuch bei Freunden und verliebte sich sofort in den Ausblick. „Wenn ihr mal auszieht, ziehe ich hier ein“, kündigte der gebürtige Backnanger seinen Gastgebern an. Wenige Monate später war es so weit. Den Kauf der 96 Quadratmeter großen Dreizimmerwohnung mit ihrem großzügigen Zuschnitt hat er noch keine Sekunde bereut. Gerne schaut er über das Panorama der Stadt. Sein Blick schweift über den Hagenbach und den Stadtturm und an schönen Tagen bis zum Stuttgarter Fernsehturm. Aber auch die herrlichen Sonnenuntergänge über den Weinbergen von Aspach erfreuen ihn jedes Mal aufs Neue.

Schädlich liebt es, ganz oben zu wohnen, „keiner trampelt mir auf dem Kopf rum“. Selbst dem Treppenhaus ringt er Positives ab. Ein Nachbar bewältigte die 180 Stufen stets zu Fuß und wurde über 90 Jahre alt. Diesem Beispiel eifert Schädlich nach. Wann immer es geht, lässt er den Aufzug links liegen. Gleichwohl kann er, wenn er seinen Wocheneinkauf und Getränkekisten transportieren möchte, vom Auto aus ebenerdig den Aufzug erreichen und dafür einen Transportwagen nutzen, der allen Bewohnern zur Verfügung steht.
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Vom ersten Tag an nach der Fertigstellung des Neubaus im Jahr 1968 wohnt Anna Rist hier, das sind inzwischen mehr als 57 Jahre. Die 94-Jährige wurde in Csávoly in der Nähe von Bácsalmás in Ungarn geboren und 1946 zwangsausgesiedelt. Ihr Mann arbeitete bei Bauknecht und hatte Freunde in Backnang. Bei einem Besuch sah das Paar die Baustelle des Hochhauses und entschloss sich, eine Wohnung für 68 800 Mark zu kaufen. Um diese finanzieren zu können, übernahm Anna Rist sogar den Hausmeisterposten, der eigentlich für den späteren Zauberer Michael Holderried vorgesehen war. Doch dieser zauberte noch vor seinem ersten Arbeitstag eine Ausrede aus dem Hut und sprang ab. Anna Rist sprang ein: „Ich mache das, wir brauchen das Geld.“ Die Aufgabe war nicht einfach, „wir waren ein vornehmes Haus, hier wohnten viele Ärzte und Ingenieure“, erinnert sich die Seniorin. Diese forderten ihre Dienste bisweilen zu jeder Tages- und Nachtzeit ein.

Nach zwei Jahren beendete Rist diese Tätigkeit, „es war zu viel Arbeit, ich konnte nicht mehr“. Weil der Standort des Aufzugs spät noch umgeplant wurde, vergrößerte sich der Zuschnitt ihrer Wohnung. Seit ihre Tochter ausgezogen und ihr Mann vor 20 Jahren gestorben ist, bewohnt sie 115 Quadratmeter ganz alleine. Die Tochter hat schon vorgeschlagen, zu ihr zu ziehen. Denn ein Auszug ihrerseits kommt für die rüstige Dame nicht infrage, „ich fühle mich sehr wohl hier“.
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Die Liebe zu den Blumen begleitet Irma Mertyn ihr ganzes Leben lang. Und das, obwohl ihre Vorfahren 1942 unter Stalin von den Ufern der Wolga nach Sibirien deportiert wurden und sie deshalb vor 80 Jahren im eisigen Nowosibirsk das Licht der Welt erblicken musste. Für ihre Eltern hatte ihre Datscha eine große Bedeutung, da sie viel zur Selbstversorgung beitrug. Irma hat sich in dieser Zeit viel mit Blumen beschäftigt, „ich mag diese Arbeit“. Ihre Übersiedlung nach Deutschland ist eine lange und oft traurige Geschichte. Aber seit sie vor 14 Jahren eine Wohnung im Hochhaus gekauft hat, kümmert sich Mertyn liebevoll und ehrenamtlich darum, dass in den Rabatten des Eingangsbereich immer etwas blüht. Acht Rosenbüsche, Hortensien, Chrysanthemen und Dahlien – die meiste Zeit des Jahres blüht es vor dem Portal.

Viele Mitbewohner loben das Engagement Mertyns. „Das haben Sie schön gemacht“ oder „Danke“ – diese Worte bekommt sie oft zu hören. Manche geben einen Obolus für den Kauf von Erde, obwohl die Verwaltung die Kosten übernimmt. Sie erhält Postkarten von Mitbewohnern: „Wir haben heute schöne Blumen gesehen, das erinnert uns an unser Haus.“ Als sie einmal vier Clematis gepflanzt hatte, erklärte sie einem Mädchen: „Das ist eure Familie, Mama und Papa und ihr Kinder.“ Danach erfreuten sich die Kinder stets beim Anblick der Blumen und boten Mertyn an, bei der Gartenpflege mitzuhelfen.
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Backnanger Kreiszeitung

Text: Matthias Nothstein
Layout: Sindy Koch
Fotos: Dietmar van der Linden und Alexander Becher
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Im achten Stock scheint sichs gut zu leben. Dort wohnen Emma Schreiner und Hertha Kull, nur durch den Flur getrennt. Emma Schreiner ist 97 Jahre alt, Hertha Kull zählt 96 Lenze. Schreiner verbrachte ihre Kindheit an der Wolga und wurde 1942 nach Nowosibirsk deportiert. Sie arbeitete an einer Tankstelle und zog vier Kinder groß. Während drei Söhne noch in Russland leben, siedelte sie mit ihrer Tochter Emma Schneider vor 25 Jahren nach Deutschland über. Seit 14 Jahren leben die beiden im Hochhaus.
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