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Los geht's

Historisches Fotoshooting

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Von Kai Wieland (Text & Video)
und Alexander Becher (Fotos)
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Bernd Mayer aus Sulzbach an der Murr hat sich voll und ganz dem Fotografieren im historischen Nassplattenverfahren verschrieben. Bei diesem wird eine Platte aus Alu oder Glas mit einer Kollodiumemulsion bestrichen und belichtet. Die Technik erfordert handwerkliches Geschick, Genauigkeit, technische und chemische Kenntnisse und vor allem jede Menge Licht. 
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Auf dem Programm steht ein Schulter-Kopf-Porträt von BKZ-Redakteur Kai Wieland. Dafür nimmt dieser auf einem historisch anmutenden Stuhl mit Kopfstütze Platz, die der Orientierung dient. „Ich stelle dein Auge jetzt scharf. Wenn du aber mit dem Kopf bloß fünf Millimeter weiter nach vorne gehst, ist es nicht mehr scharf“, mahnt Bernd Mayer.
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Das Foto, welches Bernd Mayer von Kai Wieland schießen möchte, hat er längst genau vor Augen. So muss es auch sein, denn für jede gewünschte Bildgröße ist ein anderes Objektiv mit einer anderen Brennweite notwendig. Routiniert, aber in aller Seelenruhe setzt er diesmal ein Objektiv des französischen Herstellers Hermagis aus dem späten 18. Jahrhundert in die Apparatur aus den 1920er-Jahren ein.
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Das Objektiv hat eine Brennweite von 310 Millimetern und eignet sich daher für ein Schulter-Kopf-Porträt im Format 13x18 Zentimeter. „Die Gefahr ist in der Tat, dass man zum Sammler wird“, sagt Mayer, wobei sich angesichts diverser teils sehr großer und hochwertiger Objektive und weiterer historischer Kameras durchaus die Frage stellt, ob eben das nicht längst passiert ist. „Ein Stückweit bleibt das nicht aus“, räumt er ein.
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Eine zentrale Bedeutung kommt beim Nassplattenverfahren - wie beim Fotografieren im Allgemeinen - der richtigen Beleuchtung zu. Wie viel Licht für diese Technik notwendig ist, erklärt der 56-Jährige mit einem eindrucksvollen Vergleich: „Bei der Digitalfotografie ist eine Lichtempfindlichkeit von ISO 100 oder vielleicht 200 Standard. Beim Nassplattenverfahren bewegen wir uns im Bereich von 0,3 bis vielleicht 1.“ 
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Die richtige Belichtung gleicht für Laien einer Wissenschaft. Das Kollodium auf der Platte reagiert nur auf bestimmte Spektralbereiche des Lichts, vorwiegend im UV-Bereich, wohingegen Grüntöne und hellere Bereiche nicht mehr auf die Emulsion wirken. Dementsprechend wirkt ein solches Bild völlig anders als bei moderneren Filmmaterialien oder gar bei der Digitalfotografie. Für das bestmögliche Ergebnis kommt ein Lichtmesser zum Einsatz. 
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Der Aufbau und die Einrichtung von Belichtung und Kamera brauchen ihre Zeit, Mayers Metier ist das Gegenteil eines Schnappschusses. „Geschwind ist in meiner Zeitrechnung relativ“, sagt er und lacht – für eine Fotografie plant er etwa eine halbe Stunde ein. Weil beim ersten Versuch aber meist noch nicht alles passt – „der erste Schuss wäre ein Glückstreffer“, so Mayer –, entsteht bei einem Shooting meistens mehr als ein Bild.
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Nachdem alles eingestellt ist, verschwindet Mayer in der Dunkelkammer und bereitet die Platte vor, indem er eine Schicht der Kollodiumemulsion aufträgt und diese durch ein Silberbad lichtempfindlich macht. Bei der bis in die 1930er-Jahre gebräuchlichen Ferrotypie (englisch Tintype) dient eine schwarz lackierte Aluplatte als Träger für die Emulsion.
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Bei der sogenannten Ambrotypie – einem Verfahren, das Mitte des 19. Jahrunderts entwickelt wurde –, kommen dafür hingegen Glasplatten zum Einsatz. Auf diesen entsteht durch die Belichtung ein weißliches Negativ, das erst durch einen schwarzen Hintergrund, etwa Papier oder Samt, eine positive Bildwirkung erhält. Hier sind es die schwarzen Aluplatten im Trockenständer dahinter, die dem Negativ von Bernd Mayers Vater eine positive Bildwirkung verleihen. Mayer verwendet grundsätzlich beide Verfahren. Beim Tintype, den er auch für dieses Shooting ausgewählt hat, ist der Materialeinsatz jedoch etwas kostengünstiger und ein Fehlschuss damit weniger gravierend, zumal die die Emulsion auf einer Glasplatte weniger gut haftet und das Verfahren insgesamt komplizierter ist.
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Die Kamera an sich ist ein recht simples Gerät. Der Balgen – die lichtdichte, an eine Ziehharmonika erinnernde faltbare Verbindung zwischen Objektiv und Gehäuse – enthält keine komplizierte Technik, sondern ist tatsächlich leer. Motiv, Objektiv, Platte und Licht: Viel mehr braucht es letztlich nicht für die Magie des Fotografierens. Der Belichtungsvorgang selbst dauert dann auch nur wenige Sekunden.
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Nach dem Belichtungsvorgang eilt Bernd Mayer zurück in die Dunkelkammer. Eine chemische Flüssigkeit setzt den Entwicklungsprozess in Gang, anschließend wird die Platte in einem Fixiermittelbad geschwenkt und so lichtunempfindlich gemacht. 
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Erst jetzt zeigt sich allmählich das Bild. „Das ist der Gänsehautmoment“, sagt Mayer. Schließlich wird die Platte gewässert, um sie von der Entwickler- und Fixiererflüssigkeit zu reinigen und einen weiteren Entwicklungsvorgang so zu unterbinden. Ist das Foto gelungen, wird die Platte nach dem Trocknen noch lackiert.
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Aber lohnt sich all der Aufwand, wo es doch heutzutage Apps und Programme gibt, um einen solchen Retroeffekt zu erzeugen? Absolut, meint Mayer, denn mit diesen technischen Spielerein komme man nicht einmal in die Nähe des Originals. „Es sind so viele Faktoren, die das Bild beeinflussen“, erklärt er. Jeder Blitz sei eine Nuance anders, jeder Arbeitsschritt wirke sich aus. „Ein bisschen Schmutz hier, die Luftfeuchtigkeit, die Temperatur, alles beeinflusst den Prozess“, sagt Mayer. Das Foto hält in gewisser Weise also viel mehr vom Augenblick fest als nur das Motiv. „All das sind Dinge, die ein Bild fehlerhaft werden lassen, aber auch den Charme ausmachen“, findet der Fotograf. „Für mich haben diese Bilder eine Seele.“
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