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Los geht's

Gestochen scharf

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Uralt ist die Idee, neu der Trend: Mit bis zu 10.000 Bewegungen pro Minute sticht eine Tätowiernadel in die Haut und bringt Farbe in die zweite Hautschicht. Im Laufe ihrer Geschichte dienten Tattoos als Zuordnung zu einem Volk, einer Religion, einer Kultur, als Auszeichnung für besondere Leistungen, aber auch als Bestrafung. Erst in den vergangenen Jahrzehnten wurden sie zu dekorativen Zwecken benutzt, als Verschönerung des Körpers.

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Tätowierungen sind heute im Alltag gegenwärtig, denn jeder fünfte Deutsche ist tätowiert.
Eine Studie der Uni Leipzig aus dem Jahr 2017 fand zudem heraus, dass rund die Hälfte aller Frauen zwischen 25 und 34 Jahren tätowiert ist, das seien 19 Prozent mehr als noch im Jahr 2009.

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Kai Gehring, 30
Fußballspieler der SG Sonnenhof Großaspach

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Ein Bilderbuch auf der Haut, bunte Motive zieren seinen Körper: Ein Indianer und mystische Landschaften auf dem einen, ein großflächiges Maori-Muster auf dem anderen Bein. Die Arme mit verschiedenen Bildern verziert, nur der linke Oberarm ist größtenteils noch frei.

Angefangen hat alles, als Kai Gehring 18 Jahre alt war. "Der Wille führt zum Erfolg" steht in arabischen Schriftzeichen auf der Rückseite des linken Oberarms. "Erklärt sich von selbst, oder?", er lächelt.

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Das Vaterunser, ein Engel mit Federn, Jesus mit der Dornenkrone, ein weibliches, düsteres Gesicht.
"Ja ich bin gläubig, aber keiner, der dafür in die Kirche gehen muss." Selbst seine eigene Kommunion hat der Kicker verpasst, weil ein Fußballspiel auf dem Plan stand - nur der Wille führt eben zum Erfolg.

So ganz fertig ist das Gesamtkunstwerk an Gehrings Körper nicht. Ein Jahr gibt sich der Drittliga-Kicker immer Zeit, um zu entscheiden, ob er das Tattoo wirklich möchte. In der Winterpause wird es dann unter die Haut gebracht.

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Als Familienmensch, der Kai Gehring ist, ist doch sicher irgendwo auch ein Tattoo für die Familie auf der Haut? "Klar gibt es das!" Die Initialen seiner Eltern und seiner Schwester auf dem Unterarm und die Koordinaten deren Geburtsorte über der Hüfte.

Hände, Hals und Gesicht sollen jedoch frei bleiben. "Man weiß nie, was nach der Fußballkarriere kommt", sagt er. Doch bislang habe er keine negativen Reaktionen auf seine Tattoos bekommen, beim Fußball sind Tätowierungen auch gang und gäbe.

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Ob Erinnerungen festhalten, Individualität nach außen tragen oder den Körper verschönern. Die Gründe für eine Tätowierung sind so vielfältig wie ihre Träger.

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Mal sind es Tribals, mal nautische Motive, seit einiger Zeit ist es das Maori-Muster, das aus Tattoo-Studios nicht mehr wegzudenken ist.

Die Zeit von Federn, Sternen, Traumfängern oder der liegenden Acht als Zeichen für Unendlichkeit sei langsam vorbei, erklärt Johanna Eisenmann vom Backnanger Tattoo-Studio Think.
Zurzeit sind wieder großflächige Motive gefragt.

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"Totenköpfe sind beliebter denn je", weiß Johanna Eisenmann. Die gibt's zwar schon lange, aber jetzt erlebt das Motiv einen Aufschwung: als bunte, mexikanische Form der La Catrina oder zusammen mit einer Rose.

Apropos Rose: "Immer, immer, immer. Überhaupt Blumen gibt's immer. Die gehen auch nicht mehr."

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„Ich hatte schon immer eine künstlerische Ader, habe auch als Kind sehr gerne gezeichnet und wollte eigentlich schon mit zehn Jahren Malerin werden.“

Als sie Anfang 20 ist, zeichnet sie im Urlaub an ihrer eigenen Tattoo-Idee und plötzlich ist für sie klar: Sie will sich zur Tätowiererin ausbilden lassen, egal wie.Über ihre Mutter findet sie den Weg zu Dirk Dalügge, der mit seinem Tattoo-Studio weit über die Grenzen Murrhardts bekannt ist und für hochprofessionelle und ausgezeichnete Arbeiten steht. Röhrle besucht ihn in seinem Studio, bringt ihre Zeichnungen mit.

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Nadine darf sich mit der Tätowiermaschine vertraut machen, Dalügge lässt sie ein erstes Motiv auf Schweinehaut stechen: Donald Duck. „Fünf Stunden habe ich dafür gebraucht“, sagt die 27-Jährige und lacht. Ihr wird Talent bescheinigt, Dalügge übernimmt 2013 ihre Ausbildung. Sie arbeitet von Montag bis Mittwoch als Fotografin, um Geld zu verdienen, und lernt von Donnerstag bis Samstag im Tattoo-Studio – unentgeltlich. Sonntag zeichnet sie. „Ich hatte also quasi eine Sieben-Tage-Woche.“ Ein Jahr hält sie die Doppelbelastung durch, dann kündigt sie im Fotostudio. „Ich wollte mich einfach richtig hinters Tätowieren klemmen.“

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Ihre Ausbildung besteht in der Anfangszeit vor allem aus sehr viel Zuschauen bei Dalügges täglicher Arbeit, sei es beim Tätowieren selbst, der Hygiene dabei oder den Abläufen bei der Arbeit. „Tätowieren ist nicht so einfach, wie es aussieht“, sagt sie. „Man muss auf vieles achten. Jedes Motiv ist anders, jede Haut und jede Körperstelle. Man darf nicht zu tief in die Haut stechen und auch nicht zu flach. Das sind alles Dinge, für die man ein Gefühl entwickeln muss, das kann man nicht theoretisch lernen.“

In Dalügges Studio mietet sie einen Platz, sticht zunächst nur einfache Motive, ihr „Lehrer“ schaut ihr dabei oft über die Schulter. „Das war auch gut so und hat mir Sicherheit gegeben.“ Röhrle ist ehrgeizig, will schnell besser werden und kompliziertere Motive stechen.

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Ihr erstes Tattoo bekommt eine ganz besondere Person: Nadines Mama. Fast sieben Stunden dauert es, dann ziert eine Blumenranke Mutters Wade. „Meine Familie steht total hinter mir."

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In Berufen mit Kundenkontakt, bei dem ein adäquates Auftreten Voraussetzung ist, können es tätowierte Bewerber schwerer haben als andere.
Trotzdem gilt bei Versicherungen, Banken, Beamten: Ein seriöses Auftreten ist das oberste Gebot. Wie das genau aussieht, ist in jedem Unternehmen selbst geregelt. Es bedeutet aber meist auch, dass Tattoos mit langen Ärmeln überdeckt werden sollen.
Seit 1. Januar 2017 sind Tattoos auch bei der Polizei an Ober- und Unterarmen und den Händen erlaubt - an anderen Körperstellen dürfen sie im Dienst nicht sichtbar sein.
"Für das Auftreten der Polizei gilt generell, durch Auftreten und eigenes Verhalten kann zunehmende Gewalt und Respektlosigkeit nachhaltig entgegen gewirkt werden. Damit verbunden ist auch, dass Polizistinnen und Polizisten insbesondere durch professionelles Auftreten und kompetentes Agieren bei allen Altersgruppen das Vertrauen in die Polizei stärken. Das nur anhand einer Tätowierung festzumachen entspricht nicht mehr der Realität", erklärt Roswitha Götzmann, Pressesprecherin des Landespolizeipräsidiums.

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Was darf der Arbeitgeber vorschreiben?
Das hängt vor allem von der Tätigkeit ab, aber auch vom Arbeitgeber: An Beamte, insbesondere Polizisten, gibt es strengere Anforderungen. Grundsätzlich sind Tattoos Privatsache. Bei Tätigkeiten mit viel Kundenkontakt kann aber eine Abdeckung verlangt werden, soweit das möglich ist. Entscheidend ist aber immer der Einzelfall und damit die Tätigkeit sowie die Größe und ggf. natürlich Botschaft des Tattoos. Also alles was ohnehin verboten ist, wie zum Beispiel Hakenkreuze, ist dann natürlich auch von einem Arbeitgeber nicht zu tolerieren.
 
Wo endet die „Privatsache Tattoo“ und wo fängt der Körperschmuck an, ein Fall für den Vorgesetzten oder für Anwälte und Gerichte zu werden?
Zunächst natürlich für den Vorgesetzten, der dann die individuellen Umstände abzuwägen hat. Aber die Gerichtsurteile nehmen natürlich immer mehr zu, weil immer häufiger gegen Verbote geklagt wird. Und dabei wird die Rechtsprechung wie gesagt immer liberaler.

Wie sollten wir mit unseren Hautbildern bei Bewerbungen umgehen?
Da es grundsätzlich Privatsache ist und nicht verboten, steht das jedem frei. Sie müssen selbstverständlich nicht gezeigt werden. Es empfiehlt sich aber natürlich bei Jobs mit Kundenkontakt, sie auch nicht offensiv zu zeigen.

Was darf der Arbeitgeber fordern?
Ein angemessenes Auftreten, angemessen für die Tätigkeit und für die Kunden. Und damit hängt es vom Job und vom Tattoo ab, ob er eine Verdeckung durch Kleider fordern kann oder nicht.

Darf der Arbeitgeber jemanden kündigen, weil er tätowiert ist? Wenn gegen berechtigte Kleidervorschriften verstoßen wird oder das Tattoo aufgrund seiner Größe, der Darstellung oder Botschaft dies zu lässt, ja. Für die allermeisten Tattoos wird das so aber nicht zutreffen.  




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Tausend kleine Nadelstiche, zahlreiche Risiken: Manch einer macht sich zwar viele Gedanken ums Motiv, doch vergisst beim Tätowieren schnell, dass es auch Risiken gibt. "Frische Tätowierungen sind vorübergehende, kleine Verletzungen. Wenn man damit Sport macht oder Schwimmen geht, setzt man sich Infektionsquellen aus", erklärt Joachim Härle, Pressesprecher der AOK Ludwigsburg Rems-Murr.
Deshalb sollte vor, während und auch nach dem Tätowieren stets die Hygiene stimmen. "Ein Gesundheitsrisiko besteht außerdem insofern, als beim Stechen nur der geringste Teil der Farbe in der Haut bleibt. Der Großteil wird sofort abtransportiert und kann sich in Lymphknoten oder im Körper sammeln."

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Größtes Risiko sind hier wohl allergische Reaktionen, die nicht nur bei der ersten, sondern auch bei jeder neuen Tätowierung auftreten können.
Die Tätowiermittelverordnung listet Inhaltsstoffe, die zur Herstellung der Farben verboten sind. Deshalb sollte man sich die Farbe vor dem Tätowieren ruhig mal zeigen lassen.
Trotz allem kann es vorkommen, dass sich in den Tattoo-Farben Nickelspuren befinden, die bei der Produktion unbemerkt hineingekommen sind.

Problematisch: Für ihre Produkte müssen Hersteller keine toxikologischen Berichte erstellen, so das Bundesinstitut für Risikoforschung: Nach dem Kosmetikrecht müssen bestimmte Inhaltsstoffe wie Farb- und Konservierungsmittel zugelassen werden. Doch die Farbe gilt nicht als Kosmetika, da sie nicht auf, sondern unter die Haut kommt.

Was auf der Flasche stehen muss: Liste der Bestandteile, Mindesthaltbarkeitsdatum, Verwendungsdauer nach dem Öffnen, Name und Adresse der Firma.

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Text: Silke Latzel, Sarah Schwellinger

Fotos: Alexander Becher, Fotolia, Silke Latzel, Nadine Röhrle Sarah Schwellinger, Tobias Sellmaier

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